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Problematische Memorialtafel soll umgestaltet werden

Königssteele plant Veranstaltungen

Essen, 14.03.2026. Mit einem Filmabend am 18. März, einem Vortragsabend am 29. April und einem Workshop (voraussichtlich) am 13. Mai lädt das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Königssteele alle Interessierten zum Gespräch über eine nicht mehr als zeitgemäß empfundene Memorialtafel in der Friedenskirche ein. Die historische Tafel erinnert an sechs gefallene Soldaten, darunter einen, der 1906 „im Feldzuge gegen die Herero“ starb – erwähnt aber den damaligen Völkermord an den Ovaherero und Nama auf dem Gebiet des heutigen Namibia mit keinem Wort.

Es ginge der Gemeinde nicht darum, Geschichte zu tilgen, sondern verantwortungsvoll mit ihr umzugehen, erklärt das Presbyterium in der aktuellen Ausgabe des Königssteeler Gemeindebriefs. „Wir wollen hinschauen, einordnen und Verantwortung übernehmen – im Vertrauen darauf, dass gemeinsames Nachdenken zu neuen, tragfähigen Wegen führen kann. Gedanken, Fragen und Ideen, gern auch kritische Beiträge, sind ausdrücklich willkommen.“

ERSTER GENOZID DES 20. JAHRHUNDERTS

Die Memorialtafel in der Friedenskirche, um die es hier geht, ist zunächst fünf Soldaten „aus dem Kirchspiel“ gewidmet, die 1870 oder 1871 „für König und Vaterland im Kriege gegen Frankreich“ getötet wurden. Unter den fünf Namen ist an sechster Stelle ein „Reiter Ludwig Schleich“ aufgeführt, der als Soldat des I. Feldregiments am 2. Januar 1906 in Alwisfontain „im Feldzuge gegen die Herero“ fiel. Hinter der Bezeichnung „Feldzug“ verbirgt sich allerdings ein Kriegsverbrechen.

Von 1884 bis 1915 war das Deutsche Reich Kolonialmacht im heutigen Namibia. Um die Herrschaft in der Kolonie zu sichern und auszudehnen, wurde die lokale Bevölkerung, die sich gegen die Fremdherrschaft und damit einhergehende Menschenrechtsverletzungen zur Wehr setzte, mit militärischer Gewalt bekämpft.

Einen besonders brutalen Höhepunkt der Gewalt stellte der von Generalleutnant Lothar von Trotha befohlene Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerungsgruppen der Ovaherero und Nama dar. Schätzungen gehen heute von bis zu 100.000 Menschen aus, die durch die deutschen Truppen ermordet wurden, in der Omaheke-Wüste verdursteten oder in Konzentrationslagern umkamen. 2021 erkannte die Bundesregierung das damalige Geschehen als Völkermord an, entschuldigte sich bei den Nachkommen der Getöteten und kündigte eine Wiederaufbauhilfe in Höhe von insgesamt 1,1 Milliarden Euro an. Die Vernichtung der Ovaherero und Nama gilt heute als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.

„In jedem Gemeindebrief berichten wir von Anfängen und Abschieden: Wir nennen die Namen der Getauften und erinnern an die Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten. Damit machen wir sichtbar, dass jedes Leben zählt und dass Erinnerung ein Teil unseres Gemeindelebens ist“, begründet die Evangelische Kirchengemeinde Königssteele in der aktuellen Ausgabe ihres Gemeindebriefs ihre Haltung.

DARF NICHT UNKOMMENTIERT BLEIBEN

Auch die Memorialtafel in der Friedenskirche erinnere an Verstorbene, sei allerdings Ausdruck einer früheren Form des Gedenkens und zugleich ein Zeugnis ihrer Zeit. „Sprache und Deutungen, die dort verwendet werden, spiegeln ein historisches Gedankengut wider, das unserer Meinung nach heute nicht unkommentiert bleiben darf. Kriege und Gewaltherrschaft, insbesondere koloniale Gewalt und der Völkermord an den Herero und Nama, dürfen in unserer Kirche nicht verherrlicht oder verharmlost werden.“

Vor diesem Hintergrund stelle sich dem Presbyterium die Frage, wie heute an die damaligen Ereignisse verantwortlich erinnert werden solle: „Wie kann die Memorialtafel so präsentiert werden, dass sie informiert, statt verklärt? Und wie können auch jene Menschen und Völker in den Blick kommen, die Opfer von Krieg und Gewalt wurden und an die bislang kaum erinnert wird?“ Die Veranstaltungsreihe versteht sich als Einladung, gemeinsam nach tragfähigen Lösungen zu suchen.

DIE DREI GEPLANTEN TERMINE IM ÜBERBLICK

Der Filmabend am Mittwoch, 18. März, um 18 Uhr bietet einen ersten Zugang zum Thema des Völkermords an den Ovaherero und Nama und beleuchtet koloniale Gewalt sowie deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart. Der namibische Forscher und Künstler Mark Mushiva hat die filmischen Rekonstruktionen der deutschen kolonialen Verbrechen im heutigen Namibia maßgeblich mitentwickelt und ist als Gesprächspartner an diesem Abend mit dabei.

Der Vortrags- und Diskussionsabend mit Kamaazengi Marenga und Felix Henn am Mittwoch, 29. April, um 18 Uhr verbindet künstlerische Intervention mit politischer Analyse. Prince Kamaazengi Marenga ist Ovaherero-Dichter und Chief Coordinator for Ovaherero Reparatory Justice in Europa. Sein Werk verwebt Poesie und Geschichte mit gelebter Erfahrung, um sich auf diese Weise mit kolonialer Auslöschung, Erinnerungspolitik und Fragen der Verantwortung und Wiedergutmachung auseinanderzusetzen. Felix Henn ist Projektreferent bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika mit dem Schwerpunkt Namibia. Der Vortrag ist in englischer und deutscher Sprache, bei Bedarf wird eine Übersetzung ins Deutsche angeboten.

Der Workshop „Der Umgang mit der Tafel“ – voraussichtlicher Termin ist Mittwoch, 13. Mai – bildet einen eher praxisorientierten Abschluss der Veranstaltungsreihe. „Soll die Tafel ergänzt werden, gibt es eine Erklärung, wollen wir sie umgestalten? Gemeinsam mit den Teilnehmenden überlegen wir, wie künftig mit der Ehren-tafel umgegangen werden soll“, heißt es dazu.

Alle drei Termine der Reihe richten sich an alle Menschen, denen dieses Thema am Herzen liegt. Die Vorbereitung koordinieren Dr. Petra Bernicke, stellv. Vorsitzende des Presbyteriums und Historikerin, und Claudio Gnypek, Königssteeler Gemeindemitglied und Diakon bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Veranstaltungsort ist das Gemeindezentrum an der Friedenskirche, Kaiser-Wilhelm-Straße 39. Die Teilnahme ist kostenlos; um eine Anmeldung online auf der Homepage koenigssteele.de wird jedoch gebeten. Rückfragen beantwortet Petra Bernicke unter Telefon 0201 502963.

 

 

 

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